Theaterjugendring München

Philipp Lahm

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Philipp Lahm

von Michael Decar
Uraufführung

 

 

Regie: Robert Gerloff

 

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Besetzung

Premiere: 16.12.2017

 

 

 

 

 

 

 

Wie sieht es eigentlich aus, das richtige, gute Leben? Wie muss man drauf sein, um es zu größtmöglicher Zufriedenheit zu bringen und dabei gleichzeitig ein cooler Typ zu sein, den Mitmenschen Hirte oder Leitstern und sich selbst stabiler Anker in dem Meer aus Chaos, Zufall und Konflikt, das sich Welt nennt? Viele denken, Geld und Ruhm seien die wahren Parameter des Glücks, mal hart erarbeitet, mal durch Zufall uns – oder eher doch den anderen – in den Schoß geworfen. Doch das Glück kann in furchterregender Halbwertszeit davonwehen. Heute weiß der Erfolgreiche: mehr Maß und Mitte statt Exzesse. Promiskuität, Koks und Swimmingpool sind eh 80er. Mit einem Porsche 50 km/h fahren, das ist die wahre Kunst. Der Erregungsgesellschaft mit Regungslosigkeit trotzen, der Ungeduld mit Gleichmut. Gelassen das Auf und Ab des eigenen Lebens und des Laufes der Welt betrachten, bis es sich zu einem ästhetisch ausbalancierten Wogen verbindet, zur perfekten Welle, auf der man sorgenfrei reitet, Arm in Arm mit der restlichen Menschheit. Sagen wir ruhig: Ein Schuss mimetischer Anpassung an die durchschnittliche Masse kann nicht schaden. Wem nun in unseren Breiten gelingt solch eine unverschämt weise, quasi epikureisch-stoische Lebensform, wer ist unser größtes Vorbild und zweitliebster Nachbar? Es gibt nur einen – Philipp Lahm. Und wie macht der das?

Dieser Frage geht ein Autor in Michel Decars neuem Stück nach, der durch einen Drehbuchauftrag des indonesischen Kulturministeriums erst in eine tiefe Schreibkrise und kurz darauf zu einer fulminanten Befreiungsgeste gelangt. Seine Phantasmagorie über das durchschnittliche Leben des Ausnahmefußballspielers entlarvt, wie abgeschmackt und überkommen die komplette Dramenliteratur bisher ist, die einzig Konflikte, Krisen und Kämpfe durchspielt. Hegels Beobachtung, die Perioden politischen Glücks seien die leeren Seiten der Weltgeschichte, sieht er auf literarischem Gebiet bestätigt und erkennt schockiert: „Philipp Lahm hat den kompletten Shakespeare entwertet wie einen Einzelfahrausweis.“ – Beginnt ein neues literarisches Zeitalter? Und wird hier gleichzeitig der revolutionäre Leitfaden für den „feinen Unterschied“ zwischen Erfolg und wirklichem Erfolg vertrieben?

Michel Decar hat mit „Philipp Lahm“ kein Prominenten-Biopic geschrieben, sondern mit einer lakonischen Autorschafts-Volte den hysterischen Kultur- und Literaturbetrieb, Zeitgeist und Homestory persifliert und nebenher die dramatische Tradition schulterzuckend ins Abseits gestellt. „Philipp Lahm“, soviel ist sicher, ist die rettende Blutgrätsche gegen die „konfliktgeile Dramaturgie toter Männer“.

 

Vorstellungsdauer: n. n.

 

Veranstaltungsort: Marstall


Quelle: https://www.residenztheater.de/