Theaterjugendring München

Jagdszenen aus Niederbayern

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Jagdszenen aus Niederbayern

von Martin Sperr

 

Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede

 

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Besetzung

Katja Bürkle: Abram
Anna Drexler: Tonka
Gundi Ellert: Barbara
Cristin König: Maria
Michele Cuciuffo: Volker
Jeff Wilbusch: Rovo
Katharina Pichler: Zenta
Silja Bächli: Metzgerin
Michael Tregor: Knocherl
Arthur Klemt: Georg
Pauline Fusban: Paula

 

Programmheft

 

Martin Sperr schrieb mit seinem Erstlingsstück „Jagdszenen aus Niederbayern“ eine „Fabel von der Jagdbarkeit der Menschen“. Der Text, entstanden zwischen 1962 und 1965, handelt von einer Dorfgemeinschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese richtet sich gegen alle, die sich nicht der Norm anpassen können oder wollen. Die Bäuerin Maria, die mit ihrem Knecht Volker zusammenlebt, nachdem ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkam, wird als Schandfleck angesehen. Ihr Sohn Rovo gilt als Dorftrottel. Das Mädchen Tonka ist die Dorfhure. Als Abram, der wegen Homosexualität eine Haftstrafe verbüßt hat, in das Dorf zurückkommt, bietet sich eine neue Zielscheibe. Die Situation verschärft sich noch einmal drastisch, als Tonka behauptet, von Abram geschwängert worden zu sein, und er sie aus Panik ersticht.

Wie Martin Sperr oft selbst in Interviews betonte, gibt es trotz der vielen „Gejagten“ in diesen Szenen keine „Guten“, keine Helden, die den anderen moralisch überlegen sind. Man wird immer wieder davon überrascht, wie die Opfer der einen Szene plötzlich die grausamen, beleidigenden oder rücksichtslosen Täter der nächsten werden. Wo immer man hineinsticht, sieht man dieselbe Ausweglosigkeit. Es gibt keine schicksalhafte Entwicklung, sondern einen ewig gleichen Zustand: Verletzungen werden zugedeckt, Leid wird verdrängt, Desaster werden verschwiegen. Explosionen führen nicht zur Katharsis, sondern zur erneuten Heuchelei.

Martin Kušej verknappt in seiner Bearbeitung, die auch Elemente aus einer früheren Fassung verwendet, Martin Sperrs Stück auf vierzehn Szenen. Jede für sich thematisiert das Phänomen der „Jagdbarkeit der Menschen“ und funktioniert autonom, erzählt eine kleine, eigenständige Geschichte. Als ob man mit einem Rasiermesser ein Geschwür aufschneidet und, auch wenn man nur einen kleinen Ausschnitt der Wunde sieht, spürt, dass der ganze Körper todkrank ist.

In der Gruppe der Dörfler, die diesen Organismus bevölkert, herrscht eine ekelhafte Mischung aus gnadenlosem Individualismus und selbstschützender Geschlossenheit. Es gibt in dieser Welt weder moralische noch gesellschaftliche Autoritäten, an die man sich wenden kann. Jeder ist für sich, ohne Halt, ohne Gut oder Böse, ohne Hierarchie, ohne Menschlichkeit. Es ist eine harte, pechschwarze Gesellschaftsanalyse eines damals noch blutjungen Autors, die uns heute noch immer weh tut.

Übernahme aus den Münchner Kammerspielen

 

Vorstellungsdauer: ca. 1 Std. 45, keine Pause

Veranstaltungsort: Residenztheater

Quelle: https://www.residenztheater.de/