Heilig Abend

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Heilig Abend

Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr
von Daniel Kehlmann


 

Regie: Thomas Birkmeir

 

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Besetzung

Premiere 26. Januar 2018

n.n.

 

 

 

 

 

“Mann: Wo ist die Bombe? / Frau: Die Bombe? / Mann: Schauen Sie, das war ja alles ganz nett. Dass wir uns unterhalten, dass wir uns ein wenig kennenlernen konnten. Aber jetzt müssen wir zur Sache kommen. / Frau: Welche Bombe? / Mann: Wir haben wenig Zeit, und Sie sagen immer ,was’ und ,wie’ und ,bitte’ und sind ständig überrascht, dabei will man doch nur ganz einfache Dinge wissen. ,Wir bekennen uns zu dieser Aktion, gesetzt zur Mitternacht des vierundzwanzigsten Dezember.’ Das ist ausnahmsweise sehr klar. Wir haben noch eine Dreiviertelstunde, und ich wüsste wirklich gern: Wo ist die Bombe? / Frau: Es gibt keine Bombe.”

Das Stück beginnt genau 90 Minuten vor Mitternacht: Die Philosophieprofessorin Judith, die über Frantz Fanon habilitierte, wird verhaftet und verhört. Sie scheint der Schlüssel, um einen Terroranschlag zu verhindern. Thomas verhört sie, ein Polizist offenbar, von dessen Dienstbehörde wir nicht allzu viel erfahren, außer, dass sie in der Verhörsituation am deutlich längeren Hebel sitzt. Ein klassisches Gefangenendilemma entsteht, als sie erfährt, dass ihr Ex-Mann nebenan verhört wird. Ein Duell der Worte. Sie macht keine Grammatikfehler und kennt die Ungerechtigkeit der Welt, aber er weiß alles über ihr Privatleben, hat ihren Laptop ausgetauscht, ihr Telefon überwacht und liest ihre E-Mails. Was als Kammerspiel beginnt, entwickelt sich zunehmend zum Gedankengefecht. Er hält ihre Theorien für veraltet, sie kann mit ihnen lückenlos argumentieren. Er schützt ihre Freiheit, alles so sagen zu dürfen, wie sie es denkt, und letztlich werden durch ihre intellektuelle Wissensproduktion die Marginalisierten am Sprechen gehindert. “Gewalt, wie die Lanze des Achilles, heilt die Wunden, die sie schlägt”, schreibt Frantz Fanon und das fand schon Hannah Ahrendt eine merkwürdige Entgleisung. Am Heilig Abend bildet der Satz die Grundstimmung im Kampf gegen die Uhr: Wo soll die Bombe explodieren? Ist Judith überhaupt tatverdächtig?

Durch die Snowden-Veröffentlichungen angeregt, schrieb Daniel Kehlmann ein Stück, das ein Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit zeichnet. Es sind die Methoden der Polizei genauso fraglich wie die der Aktivisten: “Es darf in so einer Situation nicht einen eindeutigen Gewinner oder Verlierer geben, deswegen muss einiges offen bleiben. Weil, wenn hier einer von den beiden eindeutig im Recht wäre und der andere im Unrecht, dann würde so ein Stück sofort in Propaganda umschlagen”, sagt Kehlmann, den die Wirklichkeit während der Schreibarbeit mehrfach einholte, sowohl was den Terror als auch die Überwachung betrifft. Er wägt ab, und dabei entspinnt sich ein Dialog, der die Gedanken zu staatlicher Gewalt präzisiert, sich gegen einen Überwachungsstaat wendet und zugleich die bequemen liberalen Argumente aushebelt. Ein Urteil müssen sich die Zuschauer bilden.

 

Vorstellungsdauer: n.n.

 

Veranstaltungsort: Residenztheater

 

Quelle: https://www.residenztheater.de/