Glaube Liebe Hoffnung

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Glaube Liebe Hoffnung

Schauspiel von Ödön von Horváth

 

 

Regie: David Bösch
Bühne: Patrick Bannwart
Kostüme: Cátia Palminha
Musik: Karsten Riedel
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Andrea Koschwitz

 

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Besetzung

Valerie Pachner: Elisabeth
Till Firit: Alfons Klostermeyer
Arnulf Schumacher: Oberpräparator
Markus Hering: Präparator
Thomas Huber: Baron
Katharina Pichler: Irene Prantl
Hanna Scheibe: Maria
Wolfram Rupperti: Ein Invalider/Ein Kriminaler

 

Programmheft
Podcast

 

Elisabeth möchte ihre Leiche verkaufen. Denn sie braucht dringend Geld für einen Wandergewerbeschein, denn ohne den kann sie nicht arbeiten – ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Wandergewerbeschein. Das Anatomische Institut hat Leichen genug, doch der Präparator leiht ihr die nötigen 150 Mark und Elisabeth darf Unterwäsche für die Firma von Irene Prantl verkaufen.

Als aber herauskommt, dass sie mit dem Geld eine Strafe abbezahlt und sich von Frau Prantl dieselbe Summe geliehen hat, wirft man ihr Betrug vor und steckt sie ins Gefängnis. Dass sie die Strafe nur bekommen hat, weil sie ohne Wandergewerbeschein gearbeitet hat, interessiert niemanden. Gesetz ist Gesetz und Mitgefühl ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Tapfer hält Elisabeth an der Hoffnung fest, dass auch ihr einmal ein kleines bisschen Glück zusteht, und wieder auf freiem Fuß verspricht sie sich vom Polizisten Alfons Klostermeier nicht nur traute Zweisamkeit, sondern auch ein sicheres Einkommen. Doch erneut holt ihre Vergangenheit sie ein: Kaum dass Alfons von ihrer Vorstrafe erfahren hat, trennt er sich und überlässt Elisabeth ihrem Schicksal.

1932, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, als eine Arbeitslosenquote von knapp 30 Prozent die Selbstmordrate in Deutschland in die Höhe schießen lässt und sich eine desillusionierte Bevölkerung zusehends politisch radikalisiert, erfährt Ödön von Horváth über den Gerichtsreporter Lukas Kristl vom Fall der 29-jährigen Miederwarenvertreterin Klara Gramm, die wegen Betrugs zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Ihre Geschichte dient Horváth, wie er selbst beschreibt, als Material, um “den gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft zeigen zu können, dieses ewige Schlachten, bei dem es zu keinem Frieden kommen soll – höchstens, dass mal ein Individuum für einige Momente die Illusion des Waffenstillstandes genießt“. Kein Kapitalverbrechen, sondern ein Fehltritt im bürokratischen Minenfeld der “kleinen Paragraphen“ hat die junge Frau beinahe um ihre Existenz gebracht. Das “beinahe“ gönnt Horváth seiner Protagonistin nicht – und doch gleicht es einer Erlösung, als Elisabeth endlich sterben darf.

Horváths “kleiner Totentanz in fünf Bildern“, dessen Uraufführung die Nationalsozialisten 1933 kurz nach der Machtergreifung Hitlers verbieten, seziert eine rücksichtslose Gesellschaft, deren Verhalten von Selbstsucht, kleinbürgerlicher Beschränktheit sowie einem unerschütterlichen Glauben an die Integrität der Instanzen geprägt ist, und die an ihrer eigenen, allzu bequemen Passivität erstickt. Vor dem Hintergrund aktueller rechtspopulistischer Strömungen, in deren Fahrwasser ein wachsender Teil der Bevölkerung um seine Arbeitsplätze und den materiellen Wohlstand bangt, seine Empathiefähigkeit zugunsten aggressiver Intoleranz wegrationalisiert zu haben scheint und sich rigoros der Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen entzieht, bittet Regisseur David Bösch Horváths lebendige Tote zu einem makabren Tanz.

 

Vorstellungsdauer: 1 Std. 45 Minuten ohne Pause

 

Veranstaltungsort: Residenztheater

Quelle: https://www.residenztheater.de/