Theaterjugendring München

„Erzählungen aus dem Gulag (AT)“

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„Erzählungen aus dem Gulag (AT)“

von Walram Schalamow, Deutsch von Gabriele Leupold
Uraufführung

Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golovko

 

 

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Besetzung

Premiere 03 Mär 18

n. n.

 

 

 

 

 

 

Ein Mann hält in kalterstarrtem Wald mutterseelenallein eine Messe. Zwei Männer sammeln Beeren. Ein Mann träumt davon, die Milchstraße auszutrinken, der Himmel eine riesige, durchlöcherte Dose Kondensmilch. Der Aggregatzustand gefrorener Spucke wird zum Barometer. Ein Dichter sucht die richtigen Worte, sein Detektor ist der Reim, und wird gejagt von den falschen: „Alles schrie: Nimm mich. Nein, mich“. Ein Paket ist das größte aller Wunder. Tränen haben keinen Geruch. Ein kleiner Hund wird gestreichelt und getötet. Ein Mann stirbt beim Beerensuchen, als er eine Demarkationslinie übertritt. Ein Mann wird für einen Wollpullover getötet. Ein Mann wird totgeschlagen, als er beim Diebstahl von Holz erwischt wird. Ein Mann erbricht sich, als er erfährt, dass er soeben das Fleisch eines Hundewelpen gegessen hat. Ein Dichter, dessen Handlinien auf großes Glück deuten, stirbt vor seinem Todesdatum. Ein Mann erhängt sich ohne Seil an einer Astgabel. Nachts träumen sie alle von Brotlaiben, die „wie Meteore oder Engel an uns vorüberfliegen“.

Warlam Schalamows Erzählungen handeln von der sibirischen Kolyma, einer riesigen Region Russlands weit weg von Moskau, einer unwegsamen, kälteklirrenden „Insel“ am Ende der Welt. Dort wurde in der Zeit des Stalinismus mit einem millionenstarken Heer von Arbeitssklaven ein megalomanes Kolonialisierungsprojekt durchgeführt, wurden Bergwerke, Industrieanlagen, Konzentrationslager errichtet. Auf dem Erbe der zaristischen Verbannungsorte aufbauend, hatte die noch junge Sowjetunion seit 1929 systematisch und großangelegt „Volksfeinde“, Häftlinge aller Art, inklusive per Sippenhaft eingemeindeter Familienangehöriger, in die planwirtschaftlichen „Besserungsanstalten“ geschoben, die ein weitverzweigtes Gulag- System an den Rändern des Landes bildeten. Der Dichter Schalamow hat fast 20 Jahre seines Lebens in solchen Arbeitslagern, den Großteil davon auf der Kolyma, verbracht, zwischen Gefängnis und Schwerstarbeit, Kälte und Hunger. Seine nach der Entlassung notierten „Erzählungen aus Kolyma“, die die literarische Grundlage dieser Produktion bilden, sind Schalamows Zeugnis von jener Zeit. Sie handeln von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – von der Normalität des Monströsen, von der unumkehrbaren Deformation der Psyche und der Lakonik kurz aufblitzenden Glücks, von der Alltäglichkeit des Todes, der nicht schlimmer sein kann als das, was man hier Leben nennt. Es ist eine karge, ausgenüchterte Prosa, die kafkaeske Strafsysteme in eine entrückt wirkende Landschaft aus Eis, Wald, Essensresten und Erde stellt und immer und immer wieder um die Fragen kreist: „An welcher letzten Grenze kommt das Menschliche abhanden? Wie davon erzählen?“ 

Timofej Kuljabin, 1984 geboren, ist leitender Regisseur am Nowosibirsker Theater „Rote Fackel“ und eines der aufsehenerregendsten Regietalente seiner Generation. 2015 wurde seine international beachtete Inszenierung von „Tannhäuser“ an der Nowosibirsker Staatsoper auf Betreiben der orthodoxen Kirche hin wegen Blasphemie abgesetzt, ebenso wie der damalige Intendant. „Erzählungen aus dem Gulag“ ist seine erste Schauspielinszenierung in Deutschland.

 

 

Vorstellungsdauer:

 

Veranstaltungsort: Cuvilliestheater

Quelle: https://www.residenztheater.de/