Theaterjugendring München

Don Juan

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Don Juan

von Molière


Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki

 

 

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Besetzung

Premiere 29. Juni 2018

n.n.

 

 

 

 

 

Ein spanischer Adliger, mit sexuellem Appetit, intellektueller Finesse und moralischer Unbekümmertheit gesegnet, streunt mit seinem geistig etwas schwerfälligen Diener durch Sizilien und reißt erfolgreich Frauen auf. Das ist mal mühseliger, mal ein Fingerschnippen, manchmal wird im Handumdrehen aus der Ver- eine Entführung. Häufig hängt Papierkram dran, weil die Frauen lieber erst heiraten, bevor sie sich ausziehen. Mitunter muss er eifersüchtige Männer abschütteln, mitunter entwischt auch das gejagte Frauentier. Wirklich unangenehm wird es, wenn die Frauen ihn nicht ziehen lassen wollen. Doña Elvira, die er aus dem Kloster entführt, flugs geheiratet und nach dem Sex sitzengelassen hat, steht plötzlich in der sizilischen Landschaft herum und verlangt Rechenschaft. Außerdem sind ihre unzähligen Brüder schon auf dem Weg, den rastlosen Ehemann vor die Säbel zu kriegen. Sein Vater hält moralinsaure Standpauken, ein Gläubiger nervt und sein Diener mag nicht verstehen, dass er die Statue eines Toten zum Essen einladen will. Dabei ist sein Credo doch ganz unmissverständlich: „Ich habe einen natürlichen Hang, mir bei allem, was mich anzieht, keine Schranken zu setzen“. 

Der vitale Freigeist heißt Don Juan und ist, neben Faust, das Paradigma der männlichen Gier in der europäischen Literatur. Sein Urbild findet man in einer 1630 publizierten Komödie von Tirso de Molina, einem spanischen Mönch – man könnte meinen, der erotische Serientäter sei eine (alp-)traumhafte Erfindung der katholischen Kirche des 17. Jahrhunderts. Ursprünglich ein rhetorisch unauffälliger, sexuell umso aktiverer, ja brutaler Frauenaufreißer, wird er durch unzählige (Um-) Deutungen und Fortschreibungen erfolgreich mythisiert und erobert sich einen unverrückbaren Platz im europäischen Gedächtnis der Literatur. Mozart verhilft „Don Giovanni“ zu veredelter Verführungsgabe, Kierkegaard findet aus Angst geborene dämonische Lebensgier in ihm, Byron den Dandy, Camus den absurden Menschen. Man lässt ihn der Frauen nicht mehr Herr werden, unbarmherzig altern, verbürgerlicht ihn, legt ihn auf die Couch. So hat noch jede historische Epoche den Don Juan bekommen, der ihr gebührt. 

Molières Adaption zielt auf den philosophisch virtuosen Oppositionellen, auf den freien Radikalen, dessen erotische wie auch intellektuelle Normverstöße nicht mehr privatistische Gebärde sind, sondern tiefer Skepsis gegenüber gesellschaftspolitischen, moralischen und religiösen Kodizes entstammen. Vom königlichen Verbot des „Tartuffe“ tief erschüttert, legt Molière mit dem nächsten Skandal nach und installiert einen verführerischen Atheisten als Protagonisten, dessen tumber Diener die undankbare Aufgabe übernehmen muss, die geistliche Instanz zu vertreten. Don Juan wird zu einer subversiven Säkularisationsfigur, die an Mathematik glaubt, nicht ans Jenseits. Ein ephemerer Verschwender und Verbraucher ist er, verlacht Gott, König und leiblichen Vater und wagt schulterzuckend die phallische Revolte gegen die Väter, die auf allen (irdischen und himmlischen) Thronen sitzen. Regisseur Frank Castorf wendet sich somit einmal mehr einer ewig rastlosen „sexuellen Großmacht“ (Brecht) zu, dem die Frauen wie Sternschnuppen zufliegen und die Erde beklemmend eng ist.

 

Vorstellungsdauer: n.n.

 

Veranstaltungsort: Residenztheater

 

Quelle: https://www.residenztheater.de/